Zwei Zitate unter die „Lupe“ genommen …
>> „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“
>> „Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden.«
So manch Dichter, der schon längst nicht mehr unter uns weilt, wird ja immer gern zur Rechtfertigung der eigenen Ziele und Vorstellungen eingesetzt – und leider auch missbraucht.
Und so stellt sich die Frage: Was hat es mit den o g. Zitaten auf sich?
Nach intensiver Recherche bin ich zu folgendem Ergebnis gekommen:
Die Bert BRECHT zugeschriebene pazifistische Parole „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ wurde im Zusammenhang mit der Friedensbewegung Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre bekannt, als die radikalen Pazifisten wegen des NATO-Doppelbeschlusses auf die Straße gingen und gegen die Nachrüstung protestierten. Das Zitat stammt nicht aus Brechts Feder.
Doch irgendjemand wird damals das Motto erfunden und ihm zugeschrieben haben.
Es ist ohnehin schwer vorstellbar, dass BRECHT die Ansicht vertreten habe, man brauchte nur zu Hause zu bleiben, um dem Krieg zu entgehen.
Jedenfalls wurde durch das vorangestellte Motto die Aussage der BRECHT-Textstelle ins Gegenteil verkehrt.
Im Original „Wer zu Hause bleibtt“ heißt es bei Brecht:
„Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt / Und läßt andere kämpfen für seine Sache / Der muß sich vorsehen; denn / Wer den Kampf nicht geteilt hat / Der wird teilen die Niederlage. / Nicht einmal den Kampf vermeidet / Wer den Kampf vermeiden will; denn / Er wird kämpfen für die Sache des Feinds / Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat
Der oft gehörte zynische Nachsatz „… dann kommt der Krieg zu euch!“ stammt ebenfalls nicht von Brecht, sondern wurde später von unbekannter Seite hinzugefügt wie Christoph Drösser nachgewiesen hat. Es wurde vor eine Passage der »Koloman Wallisch-Kantate« nachträglich »montiert«, die BRECHT dem 1 934 bei den Arbeiteraufständen ums Leben gekommenen österreichischen Revolutionär Koloman W ALLISCH widmete. Erst ab der Zeile »Wer zu Hause bleibt . . .« handelt es sich also um ein BRECHT-Zitat, das sich nicht auf Krieg bezieht, sondern auf Kampf – in BRECHTs Textstelle ist siebenmal vom Kämpfen die Rede -, auf den Arbeitskampf für bessere Arbeitsbedingungen und allgemein auf den Kampf für eine gerechte Sache und gegen das Unrecht, der nicht unbedingt kriegerische Mittel und Gewalt erfordert.
Es wird inzwischen angenommen, dass das Friedensmotto »Stell dir vor, es ist Krieg. . .« auf ein 1936 veröffentlichtes episches Gedicht des US-amerikanischen Schriftstellers Carl SANDBURG 1878-1967) zurückgehe: The People, Yes. Darin stellt ein kleines Mädchen beim Vorbeiziehen einer Truppenparade die Überlegung an: »Sometime they’ll give a war and nobody will come« (Zu Deutsch: »Einmal werden sie einen Krieg geben, und keiner wird kommen«).
Und selbst da ist man über die Herkunft nicht so ganz sicher.
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Ähnlich, aber doch noch etwas anders verhält es sich mit der so oft zitierten Aussage: „Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden.« , welche man ja gern der Rosa Luxemburg zuordnet. Nur wenige stellen die Frage in welchem Zusammenhang dieses Zitat steht, und wen oder was sie mit ihrer Aussage überhaupt meinte.
Dieses Beispiel macht deutlich, dass jedes Zitat zurück in den Zusammenhang gestellt werden muss.
In ihrer Schrift über die Russische Revolution, die sie 1918 im Gefängnis verfasste, schreibt sie:
»Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden.«
Man könnte aufgrund dieser Aussage meinen – und das wollen ihre >Freunde<, vornehmlich sogenannte linke Liberale, uns heute gern glauben machen -, dass Rosa Luxemburg einen toleranten Sozialismus vertreten habe und für Individualrechte eingetreten sei. In Wirklichkeit lag der Revolutionärin und Propagandistin der sozialistischen Revolution in Deutschland nichts ferner als das.
Unter »Andersdenkende« meinte sie in erster Linie die anders denkende Kommunisten, die Abweichler von der kommunistischen Linie, die im engen Rahmen einer »kommunistischen Demokratie« wieder auf den »rechten Weg kommunistischer Denkart« geführt werden sollten. Die übrigen Andersdenkenden, also die anders denkenden Liberalen und Nationale sind in LUXEMBURGS Augen von dieser Freiheit ausgenommen,
Mit anderen Worten: Die Kommunistin trat für die Diktatur einer Klasse, und zwar des gesamten Proletariats, ein, und nicht für die einer Partei oder einer kleinen Clique von Berufsrevolutionären. Dass sie allen Menschen dieselben Freiheitsrechte einzuräumen bereit gewesen sei, gehört dem Bereich der Phantasie an.
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Quelle
Siehe u. a. Josef Nyary, »Vom Umgang mit Roten und Rothäuten«, in: Welt am Sonntag, 15.2.1998.
Bert Brecht, »Wer zu Hause bliebt, wenn der Kampf beginnt«, in: Gesammelte Werke, Werkausgabe, Edition Suhrkamp, Frankfurt/M. 1 967, Bd. 9, S. 503.
Michael Klotz Der grosse Wendig Bd. 5
F. WEIL, Rosa Ltxemburg über die russische Revolution. Einige unveröffentlichte Manuskripte, in: Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterberwegung, 1928, S. 285-298.
Nähere Angaben zum LUXEMBURG-Zitat gibt Arnulf BARING in einer Besprechung des Buches Honeckers Erben – Die Wahrheit über Die Linke von Hubertus KNABE.



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