Darum sind wir im Arsch?
Selbstversuch!? Ich werde es sehen. Das ist hier Musik in meinen Ohren. Wasser auf meine Mühlen. Ich denke schon lange darüber nach. Vielleicht ist der Tag nun gekommen. Mein Nokia freut sich schon. Aber lest selbst.
Darum sind wir im Arsch
Die meisten, die das jetzt sehen, lesen mich auf einem Gerät, über das ich im Folgenden etwas mitteilen werde. Etwas, das viele über diese kleinen elektronischen Dinger, diese kleinen magischen schwarzen Spiegel, die wir den ganzen Tag mit uns herumtragen, gar nicht auf dem Schirm haben.
Es ist winzig. Es ist flach. Du hältst es in deiner Hand, wahrscheinlich fünfzig Zentimeter von deinem Gesicht entfernt. Und ich möchte, dass du etwas erkennst, bevor wir anfangen: Du hast nicht bewusst entschieden, es in diesem Moment in der Hand zu halten.
Du erinnerst dich nicht daran, es genommen zu haben. Es ist einfach da. In deiner Hand. Dein Gehirn wird sagen, „Ach ja? Ich habe das sehr wohl bewusst in meine Hand genommen.“ Doch das ist nicht wahr. Dein Verstand möchte bloß die Lücken schließen. Er möchte sich nicht ertappt fühlen. Er will die Kontrolle wahren. Darum belügt er sich notfalls selbst. Das tut er auch gerade in diesem Moment. Dein Griff nach dem Ding in deiner Hand basiert nicht auf einer bewussten Entscheidung. Und ich möchte dir erklären, warum ich das mit einer solchen Sicherheit sagen kann. Aber zuvor möchte ich, dass du den nächsten Satz nach dem Doppelpunkt mit dem vollen Gewicht dessen liest, was er wirklich bedeutet:
Deine Aufmerksamkeit ist pro Unze mehr wert als Gold! Und ich meine das wörtlich.
Es gibt Unternehmen, die mehr wert sind als das BIP der meisten Länder, und ihre gesamte Bilanz gründet auf einem riesigen Vermögenswert. Dieser exorbitante Vermögenswert basiert auf der Sache, die du gerade auf deinen Bildschirm richtest. Und damit sind nicht deine Augen gemeint, sondern deine Aufmerksamkeit. Deine Aufmerksamkeit ist das Gold der Mega-Konzerne. Ihre Multimilliarden sind daraus entstanden. Aufmerksamkeit ist eine Währung, derer du dir nicht bewusst bist. Darum konnte man sie dir stehlen. Täglich. Jede Stunde.
Lass uns darauf einen nüchternen Blick werfen.
Die meisten von uns geben, statistisch gesehen, ihre Aufmerksamkeit 96 Mal am Tag an ein Gerät ab, das entwickelt wurde, um sie dir zu entziehen. Das ist einmal alle 10 Minuten.
Insgesamt sind es beim durchschnittlichen Menschen etwa 2600 Berührungen des Bildschirms pro Tag. Bei Menschen, die ihre Telefone intensiv nutzen, sind es über 6.000.
Wenn wir über das Scrollen durch Kurzform-Inhalte sprechen, scrollst du jeden Tag mit deinem Daumen etwa die Höhe der Freiheitsstatue als Strecke. Das ist die körperliche Arbeit, die du kostenlos für Unternehmen verrichtest, die von deiner Aufmerksamkeit leben und durch die sie ihre Multimilliarden generieren. Die durchschnittliche Bildschirmzeit der Menschen in Deutschland und Österreich liegt derzeit zwischen 4 und 5 Stunden am Tag. Vier Stunden am Tag sind 28 Stunden pro Woche.
Das ist mehr als ein ganzer Tag deines Lebens jede Woche. Das ist unwiederbringliche Lebenszeit, die du in ein Stück Glas investierst. Ein Stück Glas, das dir eine Realität zeigt, die nicht einmal dein echtes Leben ist. Wenn du das über ein ganzes Jahr so machst, bist du bei 60 Tagen, die du in eine Scheinwelt investierst. Das sind also 2 Monate deines Lebens pro Jahr. Wenn du einen Dreißigjährigen nimmst und das auf 80 Jahre Lebenserwartung hochrechnest, basierend auf den aktuellen Zahlen, wird die Person irgendwo zwischen 8 und 10 Jahren ihrer bewussten Existenz in ihr Handy investiert haben. Also, ein Jahrzehnt. Das ist der Preis. Und niemand erinnert sich wirklich daran, zugestimmt zu haben, diesen unermesslich hohen Preis zu zahlen.
Du hast nicht entschieden, das zu tun. Nicht bewusst.
Doch was geschieht da eigentlich mit dir? Was geschieht neurologisch?
Neurologisch und damit auch psychologisch geschieht Folgendes:
Eine Benachrichtigung auf deinem Handy ist eine Unterbrechung des Skripts. Und das ist alles, was es ist.
Du kochst, bist in der Küche und machst etwas, arbeitest, sprichst mit deinem Kind, und das Summen deines Handys, die Vibration, das Geräusch zerteilt alles, was gerade ablief. Deine Aufmerksamkeit driftet zu deinem Telefon. Du greifst automatisch danach. Dein Aufmerksamkeitsfokus wurde vom Geschehen abgezogen. Er wird jetzt von jemand anderes gesteuert. Du kannst nicht anders, als nachzudenken oder gar nachzusehen, was das kleine elektronische Ding zu liefern hat.
Das ist ein künstlich entzogenes Maß deiner Konzentration. Derselbe Mechanismus, der deinen Vorfahren das Überleben sicherte, als plötzlich ein Zweig hinter einem Busch knackte, sodass sich alle Sinne auf das richteten, was das Geräusch hervorgerufen hatte. War es ein Säbelzahntiger, ein Bär, ein feindliches Stammesmitglied? Oder war es ein Beutetier, das du jagen und verspeisen konntest? Ein Freund aus deinem eigenen Stamm? Das Signal, das Vibrieren deines Telefons repräsentiert dieses Knacken von damals. Und lass hier keine Zweifel hochkommen – dein Telefon knackt absichtlich etwa 80 Mal am Tag wie damals der Zweig.
Schau dir an, was in die Benutzeroberfläche eingebaut ist: bunte, ansprechend animierte Icons, blaue Häkchen, alle Follower-Zahlen und deren Interaktion in Rot, unüberhörbare Signaltöne, der verifizierte Algorithmus, der dir sagt, ob du wichtig und begehrt bist. Denn der Algorithmus entscheidet, wessen Gesicht vor dir erscheint, wessen Ideen und wessen Meinungen.
Wenn du ehrlich zu dir selbst bist, und nur einige wenige sind ehrlich zu sich selbst, dann sagt dein Gehirn: „Wen schaue ich mir an? Wer sagt mir, was ich denken, glauben und tun muss? Wen muss ich nachahmen? Wem unterwerfe ich mich? Wer sagt mir, was ich wert bin und was aktuell Thema ist?“. Denn nicht du, sondern ein Empfehlungsalgorithmus lenkt diesen Auswahlprozess.
Du und ich, wir beide sind bereit, hier ein Risiko einzugehen und zu sagen, dass du die Stimmen, die Autorität in deinem Leben haben, nicht bewusst und nicht selbst gewählt hast. Sie wurden dir höchstwahrscheinlich serviert. Und es ist schwer, das zuzugeben. Es ist ein Schlag in die sprichwörtliche Fresse des Egos, so etwas zuzugeben. Darum verleugnen die meisten dieses Faktum. Sie reden sich ein, die Kontrolle zu halten, so wie das nahezu alle Süchtigen tun.
Da haben wir Gruppenchats und Ziel-Streaks, einen Newsfeed, Profilbilder und eine kleine „Dein Freund tippt gerade“-Blase, die auf sozialen Medien erscheint. All das äußert den neuen Glauben an das neue Wort des neuen Gottes und entweder wird dieser Gott in Form der individuellen Filter-Bubble vom Stamm willkommen geheißen oder nicht. Sagt der Stamm „Gefällt mir!“, fühlst du dich gut. Sagt der Stamm das nicht, fühlst du dich schlecht und passt dich an. Das repräsentiert der „Gefällt mir“-Button. Das ist der Mechanismus hinter alledem. Dein Gehirn ist süchtig danach. Weil Dopamin ausgeschüttet wird. Weil Endorphin ausgeschüttet wird. Weil dein Nervensystem genau das erlebt, was ein Hund oder ein Pferd erlebt, wenn Konditionierung stattfindet. Das Leckerli für den modernen Menschen, der sich innerhalb seiner vom Algorithmus ausgewählten Echokammer aufhält, hat keinen Geschmack und keinen Geruch, es lässt sich nicht anfassen oder berühren, aber es steuert sein Denken, sein Fühlen und Handeln. Es nennt sich „Gefällt mir!“.
Doch dein Feed ist nicht nach Wahrheit sortiert, sondern danach, was ein Algorithmus oder eine künstliche Intelligenz für dich berechnet hat, maßgeschneidert bis ins kleinste intimste Detail. Man weiß, was du denkst, fühlst, ersehnst und fürchtest, wann und was du isst, wann du schläfst, masturbierst oder vögelst und natürlich auch, wann du scheißt. Vor deinen Freunden kannst du das durch Privatsphäre-Einstellungen verbergen, nicht aber vor dem Algorithmus. Dem hast du durch deine millionenfache unbewusste Auswahl längst all das mitgeteilt.
Und jetzt denkst du wahrscheinlich: „Oh, ja. Das wusste ich schon. Mein Feed ist nach Interaktion oder nach Interesse sortiert!“
Das aber ist ein Irrglaube. Überhaupt nichts in deinem Feed ist nach Interesse sortiert. Gar nichts.
Alles, was du auf deinem Smartphone siehst, ist nach Erregung sortiert, nach Maß und Menge an Neurotransmittern in deinem Gehirn. Es ist nicht wichtig, was dich interessiert, sondern nur, dass du etwas fühlst. Sobald du etwas fühlst, cashen andere mächtig ab.
Hinter deinem Smartphone hast du zehntausend Ingenieure, Psychologen und Neurologen, die Millionen von Experimenten durchführen im Auftrag der Multimilliardenkonzerne. Sie behalten, was Aufmerksamkeit erregt. Sie töten alles, was keine Aufmerksamkeit erregt. Und die Evolution hat den Rest erledigt. Denn die Evolution hat den Ingenieuren der Konzerne gezeigt, all die Mechanismen innerhalb deines Nervensystems für den Algorithmus rückzuentwickeln.
Du glaubst das nicht?
Dann möchte ich dir schnell den Vorgang des in die Hand Nehmens deines Telefons erklären. Und ich möchte, dass du das in nur drei einfachen Schritten mit mir in deinem Kopf mitmachst. Wir werden das irgendwie in Zeitlupe machen, denn sobald du die Pipeline siehst, denke ich, wirst du es verstehen. Damit möchte ich dich in einen bewusst rationalen Zustand bringen, in dem du den Pipeline-Prozess kognitiv nachvollziehen kannst.
Schritt eins.
Das Telefon summt. Eine Skriptunterbrechung. Was auch immer du gerade getan hast, wird in der Mitte zerteilt. Der Fokus wird ergriffen, nicht gefangen genommen. Er wird ergriffen.
Du hast noch nicht einmal auf dein Phone geschaut und dein Fokus ist schon blockiert.
Schritt zwei.
Dopamin wird freigesetzt. Das ist der Teil, den die Dopaminforschung tatsächlich zeigt, aber fast jeder versteht ihn falsch. Sogar YouTube-Neurowissenschaftler haben das falsch verstanden. Dopamin wird nicht freigesetzt, wenn du eine Belohnung erhältst. Dein Gehirn feuert in Erwartung der Belohnung. Also passiert der Kick in diesem winzigen Zeitraum, dieser kleinen Lücke zwischen dem Summen, dem Vibrieren des Telefons und dem Ausgeben der Belohnung, also der empfangenen Nachricht. Wenn das Verhalten sich wiederholt, ist es der süchtig machendste Verstärkungsplan, der jemals in der Psychologie dokumentiert wurde. Manchmal ist eine Benachrichtigung sehr wichtig. Normalerweise ist sie das nicht. Irgendein dummer Spruch, ein lustiges Bildchen, ein sinnloses Video. Aber dein Gehirn reagiert auf jeden Signalton, auf jedes Vibrieren gleich, egal ob die hereinkommende Nachricht wichtig war oder nicht. Dopamin wird sofort produziert, sobald das Signal von deinen auditiven Nerven wahrgenommen wird. Und ab diesem Moment will dein Nervensystem mehr davon. Aber je mehr du davon bekommst, desto größer wird das zukünftige Verlangen danach.
Schau, ich weiß, du willst dir keine Vorwürfe machen lassen oder irgendeine Schuld eingestehen. Und ich gebe dir hier keine Schuld, aber ich habe gesehen, wie diese neurologisch-psychologischen Prozesse zu viele Leben verändert haben, um dich einfach darüber hinwegscrollen zu lassen.
Je eher du beginnst, dein Verhalten und die Vorgänge in deinem Gehirn klarer zu sehen, desto besser kannst du sie selbst kontrollieren, weil du weißt, was los ist. Und darum geht es mir. Nicht nur in der Arbeit mit meinen Klienten, sondern auch hier, an dieser Stelle. Völlig kostenfrei.
Schritt drei.
Wenn du nun auf dein Handy schaust, wirst du eine Aufstellung von Inhalten, eine oder mehrere Benachrichtigungen sehen. Du ziehst nach unten, um zu aktualisieren. Du ziehst den Bildschirm nach unten und wartest, um zu sehen, was erscheint. Während du wartest, wird Dopamin ausgeschüttet. Kombiniert mit der Geste des Scrollens entsteht ein neurologischer Anker. Visuelle Nervenreize koppeln sich mit kinästhetischen Nervenreizen, während Dopamin dein Nervensystem belohnt. Dieses Herunterziehen und Warten wird zu einer Konditionierung des Nervensystems. Es ist wie bei einem Spielautomaten. Es ist mechanisch und psychologisch identisch. Sie stecken dir also einen Spielautomaten in die Tasche und du ziehst 96 Mal am Tag kostenlos am Hebel. Und du könntest doppelt so oft daran ziehen – es gibt kein Ende. Du kannst endlos scrollen und immer wieder bekommst du neue Inhalte, die dich emotional erregen.
(Der Typ, der das unendliche Scrollen in sozialen Medien erfunden hat, hat sich übrigens öffentlich dafür entschuldigt.)
Aber warum funktioniert endloses Scrollen so gut? Weil das Stoppsignal entfernt wurde auf einer Seite, die nie endet. Damit bleibt dein Nervensystem in ständiger Erwartung auf Belohnung durch Inhalte. Also schüttest du auch ständig Dopamin aus.
Wenn ich dir nur ein paar Dinge auf einmal zeige, sodass du einen Endpunkt erreichst, gibt das deinem Gehirn eine Möglichkeit zum Abschluss. Es schließt eine Schleife und gibt dir einen kurzen Moment Zeit, um darüber nachzudenken, was passiert. Unendliches Scrollen bedeutet hingegen, dass sich diese Schleife nie schließt. Und du weißt schon, was eine offene Schleife mit einem menschlichen Gehirn macht, richtig?
– Es bleibt ständig in Erwartung auf mehr Dopamin.
Aber es gibt keinen Boden, keinen Abschluss in den sozialen Medien. Der rote Kreis, den du die ganze Zeit siehst, die kleinen Benachrichtigungssymbole auf deinem Telefon – von allen Farben, die die Entwickler für diese Benachrichtigungen hätten wählen können, wählten sie die Farbe, auf die dein visuelles System von Natur aus am stärksten programmiert ist: Rot. Rot wie Blut, wie Feuer, wie Gefahr. Ein grauer Punkt wird nicht geöffnet. Aber ein roter Punkt auf alle Fälle. Und die Entwickler wissen das, weil sie es tatsächlich getestet und die Ergebnisse veröffentlicht haben.
Oder jemand tippt dir in WhatsApp zurück. Auch hier ist die Warteschleife mit dem Wort „schreibt“ und diesen drei kleinen Punkten, die sich bewegen, während der andere seine Antwort tippt.
Das ist eine offene Schleife, die du nicht selbst schließen kannst. Du wirst dasitzen und auf diese kleinen animierten Punkte starren, als hinge dein Leben davon ab, weil vor einer halben Million Jahren ein ungelöstes soziales Signal tatsächlich bedeutete, dass dein Leben von der Antwort abhing.
Über einige Plattformen wurde berichtet, dass sie etwas tun, das als Batching bezeichnet wird. Das ist ein existierendes Wort, das so viel wie Stapelung von Daten oder Mustern bedeutet. Beim Batching werden alle deine Likes zusammengefasst. Also existieren all deine Likes irgendwo. Sie lagern irgendwo auf einer Serverfarm. Das System hält sie parat und gibt sie in Schüben frei. Dabei sind sie so getimt, dass sie genau dann freigegeben werden, wenn du am ehesten abschweifen würdest; und sie dosieren es nach diesem kleinen Maus-Ratten-Labyrinth-Belohnungsplan, wie ein Hundetrainer mit einem Bauchtäschchen voller Leckerlis.
Das Fiese daran ist: Wir erkennen keine Manipulation an Orten, an denen wir uns ausruhen, wo wir relaxen. Wir liegen am Sofa oder im Bett, sitzen auf einer Bank im Park oder sonst wo und scrollen. Wir chillen und fühlen uns sicher. Im Hintergrund aber ist der Algorithmus. Und die Milliardäre, die ihn in Auftrag gaben. Du wähnst dich gerade im Entspannungsmodus.
Also überprüft der Algorithmus im Auftrag der Milliardäre zunächst diese vier Dinge.
Fokus: Wo lebt die Aufmerksamkeit dieser Person?
Kontrolle: Wer kontrolliert, worauf sie Stunde für Stunde den ganzen Tag über schaut?
Autorität: Wen betrachtet sie als Stimmen, die es wert sind, gehört zu werden?
Stamm: Woher kommt das Zugehörigkeitsgefühl dieser Person und wohin geht sie, um sich akzeptiert zu fühlen?
Und dann, auf der emotionalen Seite: Was ist die große Quelle ihres Dopamins, wenn sie sich leer fühlt? Wonach greift sie dann fast instinktiv?
Wenn eine Entität all diese vier Dinge über einen anderen weiß, dann ist das der Nährboden für einen Kult. Das ist der eigentliche Kontrollmechanismus hinter jedem Kult. Jeder Guru weiß das. Jede Sekte weiß das. Jeder Führer, jeder Diktator weiß das. Jeder Konzern weiß das. Jede Plattform arbeitet nach diesem Prinzip.
Und dein Telefon qualifiziert sich auf allen vier Kanälen einschließlich des fünften, emotionalen Punktes, der als Lieferant des Auswegs, also der Lösung in Form von Dopamin dient.
Dein Telefon hat das Monopol auf alle fünf Punkte. Und ich möchte wirklich präzise sein, warum dies schlimmer ist als jede Sekte, die ich je in meinem Leben gesehen habe.
Wenn du an einen Kultführer denkst, arbeitet er mit ein paar hundert Menschen. Und was haben sie, diese Menschen, was hat jeder Kultführer in Hülle und Fülle?
– Intuition und Charisma. Und wenn du auf dein Handy schaust, läuft dieses Ding als ein personalisiertes Modell von dir, als Profiler, der auf den Nanometer genau misst, wie lange es dauert, bis du den Bildschirm wieder berührst. Sie kennen das Zögern deines Daumens. Sie wissen, was du zweimal anschaust, um welche Uhrzeit deine Widerstandskraft nachlässt, und dein Phone beginnt, das Modell deines Profils jedes Mal zu aktualisieren, wenn du etwas berührst. Dieses Ding misst und weiß all diese Dinge. Der größte Unterschied zwischen dir und einem Kultmitglied ist jedoch, dass das Kultmitglied rekrutiert werden musste.
Und wenn ich sage „du“, meine ich im Grunde „wir“, denn wir wurden nicht rekrutiert zum Kult des Smartphone-Gottes, sondern wir haben ihn uns gekauft. Wir alle haben uns in den Kult eingekauft. Vielleicht für einen Tausender. Vielleicht für ein bisschen weniger. Die meisten schlafen neben ihrem Smartphone, nur etwa zwanzig Zentimeter von ihrem Schädel entfernt, und überprüfen es, bevor sie überhaupt dem danebenliegenden Menschen im Bett guten Morgen sagen.
Junge Mütter auf der Straße blicken nicht mehr verliebt auf das Baby im Kinderwagen, sondern auf das Smartphone. Am Spielplatz schauen sie nicht den Kindern zu, sondern scrollen. Väter spielen nicht mit den Kids, sondern scrollen. Kids spielen nicht mehr mit Kids, sondern scrollen. Mann und Frau verlieben sich nicht mehr in das Lächeln, die Lippen, die Hände oder den Hintern des anderen, sondern in dessen Fotos und getippte Worte.
Wir sind echt im Arsch.
Forscher haben seit Jahrzehnten Trauminhalte katalogisiert. Das sind zigtausende Traumberichte. Und hier ist, was sie herausgefunden haben:
Das Telefon ist in deinen Träumen fast völlig abwesend. Lass mich wissen, ob diese Tatsache bei dir auch so ein Schlag ins Gesicht war, denn bei mir war es das. Du verbringst ein Drittel deines wachen Lebens damit, auf ein Telefon zu schauen, und es wird kaum im Trauminhalt registriert. Du träumst von Menschen in deinem Leben, die du seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hast. Du träumst von dem Haus, in dem du als Kind gelebt hast. Du träumst davon, zu fallen und vielleicht auf einem Nashorn zu reiten oder so etwas, von etwas verfolgt zu werden, in Unterwäsche zur Schule zu kommen. Aber du träumst nicht vom Scrollen.
Und nun denk kurz darüber nach, wozu Träume wirklich da sind. Denk einfach mal darüber nach, wozu Träume gut sind.
– Dein Gehirn spielt im Grunde genommen das Wichtige noch einmal ab und festigt es. Die Erfahrungen, die es wert sind, kodiert zu werden, die Bedrohungen, auf die das Gehirn sich vorbereiten und die es proben möchte, die Menschen, die es wert sind, in deinem Leben zu bleiben.
Vier Stunden am Tag, jeden Tag, sind wir laut Statistik am Telefon, und wenn das Licht ausgeht, betrachtet dein eigenes Gehirn diese Zeit und ordnet diese vier Stunden unter „nichts ist passiert“ ein. Ist das nicht erschreckend?
Die größte Einflussoperation in der Geschichte der Menschheit ist das Smartphone.
Es kennt dich wahrscheinlich besser als dein Ehepartner, deine Kinder, dein Therapeut. Es schläft nie. Es wird jedes Mal schlauer, wenn du es aufhebst und berührst. Und nachts bezeugt dein eigenes Gehirn, dass nichts davon real war.
Ich sage nicht, dass du das Ding in den Müll werfen sollst. Ich habe ja selbst eines. Und wahrscheinlich siehst du diesen Artikel über dein Smartphone auf Social Media. Das ist die Ironie an der ganzen Sache.
Ich bin nicht perfekt. Aber mein Smartphone liegt den meisten Tag über irgendwo rum und ich weiß oftmals gar nicht, wo. Ich bin ein Desktop User. Denn früher habe ich auf einer Schreibmaschine geschrieben. Meinen Desktop nutze ich nur zum Arbeiten. Und wenn das Telefon mal klingelt, muss ich durchs ganze Haus laufen, um es zu finden. Denn ich verabscheue die Dinger. Und ich bedaure Menschen aus einem liebenden Herzen heraus, die über ihr Smartphone besser Bescheid wissen als über ihr eigenes Gehirn.
Wenn ich dich zum Beispiel frage, wo du deine Fotos speicherst und wie groß der Speicher deines Handys ist, kannst du mir das mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, obwohl das Smartphone kein Teil deines Körpers ist. Du wurdest nicht damit geboren, du kannst es verlieren, es kann dir gestohlen werden und es hat dein Leben nicht verbessert, sondern verschlechtert. Frage ich dich aber, was der präfrontale Kortex ist und welche Aufgabe er hat, musst du entweder googeln oder passen, obwohl dein Gehirn das essenziellste Organ deines Körpers ist. Warum? Frage dich das ganz aufrichtig selbst. Warum weißt du, was deine liebsten Stars heute gefrühstückt haben, aber nicht, was Zucker mit den Insulinrezeptoren an deinen Mitochondrien anstellt? Frage dich auch das ganz aufrichtig.
Das ist kein Vorwurf, mein Freund, sondern bloß ein weiterer Versuch meinerseits, dich aufzuwecken und Bewusstsein in dir für dein eigenes Verhalten zu schaffen.
Und bevor du jetzt das tust, was wir in der Psychologie „Correcting The Records“ nennen, nämlich dich zu verteidigen und die Dinge für dich richtigzustellen, sei dir einer Sache bewusst:
Alle Autofahrer fahren schlecht, nur du nicht. Alle gehen zu McKotzi, nur du nicht. Alle anderen sind wirklich dick, nur du nicht. Alle in deinem Alter sehen alt aus, nur du nicht. Alle anderen wählen die falsche Partei, nur du nicht. Alle anderen sind doof, nur du nicht. Alle anderen verbringen zu viel Zeit am Smartphone, nur du nicht.
Auch das ist ein psychologisches Muster namens Projektion. Aber wahre Bewusstwerdung beginnt jenseits der Projektion, und zwar durch gnadenlos ehrliche Selbstreflexion. Und nur durch diese Selbstreflexion kann schädliches Verhalten erkannt und letztlich zu einem besseren Verhalten angepasst werden. Und besseres Verhalten führt zu einem besseren Leben. Und das bessere Leben des Einzelnen führt in Summe zu einer besseren Gesellschaft.
Und noch etwas: Sucht beginnt übrigens nicht nur mit der ersten Einnahme der Substanz, sondern sie definiert sich auch sehr stark durch Leugnung der Sucht.
Mach eine Diät. Eine Smartphone-Diät. Und sieh zu, wie dein Leben irgendwie wieder in die Realität zurückkommt. Danke mir in ein paar Monaten. Wenn Angst kleiner, Sorge geringer, Wut abgekühlt und Lebensfreude zurückgekehrt ist.“
Danke
David Pauswek
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Vielen Dank❤️🙏🏻❤️🙏🏻❤️🙏🏻

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