Der Verrat am Selbst

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vom Psychoanalytiker Arno Gruen

Ich möchte hier in mehreren Teilen den Inhalt eines Buches wiedergeben, das ich für unheimlich wichtig halte. Der heute 87jährige Arno Gruen ist nicht nur Psychoanalytiker, der sich den Belangen Einzelner widmet, sondern seine tiefgehenden Analysen beziehen sich auf die Auswirkungen der von Generation zu Generation weiter gegebenen inneren Spaltung in unserer Gesellschaft.

Der Untertitel des Buches lautet: Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau. Mit Autonomie ist die vollkommene Übereinstimmung eines Menschen mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen gemeint – als Synonym für Authentizität.

Arno Gruen schreibt in seiner Einleitung folgendes: „Dieses Buch ist in der Hoffnung geschrieben, diejenigen, deren Sicht in einer Welt der Konformität und Anpassung immer noch für andere menschliche Welten offen ist, in ihrem Sein zu stärken. Ich möchte damit etwas dazu beitragen, der gefühlsbetonten Welt – im Gegensatz zum Denken und Verstehen, das vom Fühlen abgespalten ist – ihren rechtmäßigen Platz in unserer wissenschaftlichen Welt zurückzugeben.“

Für die menschliche Entwicklung gibt es zwei Wege – den der Liebe und den der Macht. Die allermeisten Kulturen haben die Macht gewählt und verbreiten eine Ideologie des Beherrschens. Was unter autonom verstanden wird, bezieht sich nicht auf unser wahres inneres Wesen, sondern auf eine Vorstellung davon, wer wir sein sollten. Diese hat mehr mit der Wichtigkeit der eigenen Person und ihrer Überlegenheit zu tun – also einer Idee von sich selbst – als mit eigenen Bedürfnissen und Gefühlen. Das Leben als permanenter Kampf um Stärke und Überlegenheit anstelle eines bejahenden Zustands, der Gefühle von Freude und Schmerz als Ausdruck des Lebendigen einschließt.

Das Neugeborene, welches seinen ersten Atemzug tut, wird von diesem Moment an „sozialisiert“. Das Bewusstsein seiner Bezugspersonen, der Zugang zu ihren eigenen Gefühlen wird zum bestimmenden Anteil der Entwicklung seines Selbst. Die Mutter, die ihr Kind schreien lässt, die ihm ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge nur mangelhaft widmen kann, gibt damit ihre eigenen Beschränkungen weiter. Das Kind lernt, dass es nichts bewirken kann, dass seine Not nicht beantwortet wird und dass es nur dort gelobt wird, wo es seine Bedürfnisse den Erwartungen anderer anpasst. Damit ist der Grundstein gelegt, sich von seinen Gefühlen zu entfremden und den Prozess des Lernens als von außen her bestimmt zu empfinden.

Innere Vorgänge verlieren an Bedeutung und rufen in Folge Angst hervor. Man verlernt, seine eigenen Bedürfnisse und Beweggründe zu erkennen. Die damit verbundene Hilflosigkeit, die Angst und Wut darüber, werden jedoch erneut abgelehnt. Je intensiver die Erfahrungen, umso heftiger wird dieser Mensch sich mit der Zeit gegen alles in sich selbst und außerhalb seiner selbst richten, das echte Lebendigkeit weckt.Wenn die Bezugspersonen zu wenig empathisch auf das Kind reagieren, fühlt es sich hilflos, als Versager oder verdrängt das Gefühl des Ausgeliefertseins und spaltet es ab. Danach wird alles, was an die Erfahrung erinnert, abgewehrt und abgewertet. Um die Spaltung aufrecht zu erhalten, wird Hilflosigkeit abgelehnt – und nicht die Erfahrungen, die dazu geführt haben. So gleichen sich die Opfer ihren Unterdrückern an und führen den ewigen Kreislauf von Macht und Beherrschen weiter. Authentischer Lebensausdruck in sich und anderen wird abgelehnt.

Die ursprünglichen Gefühle sind jedoch nicht verschwunden, auch wenn sie nicht mehr direkt gefühlt und im Zusammenhang erkannt werden. Und nicht allen Menschen gelingt die Anpassung gleichermaßen gut. In Gesellschaften, die Gehorsam, Konformität und Unterwerfung als Preis für „Liebe“ fordern, tritt Autonomie oft verkleidet auf. Gruen nennt dazu das Beispiel eines Klienten, der mit nahezu ungewöhnlicher Wahrnehmungsfähigkeit die Wünsche und das Denken anderer erahnen konnte. Indem er deren Bedürfnissen entgegen kam, schützte er sich selbst davor, sich zu öffnen. Er war stets auf andere bezogen. Da er damit sein eigenes Leben heraus hielt, glaubte er sich unverletzlich und „frei“. Doch diese „Freiheit“ entsprang nur seiner Fantasie.

Dennoch zeigt dieses Beispiel auch einen unbewussten Kampf um Autonomie. Selbst wenn er nur darin besteht, das eigene Selbst „geheim zu halten“, um es zu schützen. Diese Facetten des Strebens nach Autonomie bleiben uns meist verborgen, weil sie nicht als das erkannt werden, was sie sind: Schutzmechanismen, um sein Innerstes nicht preisgeben zu müssen, die damit verbundenen Ängste zu verbergen.

Schon Freud sah Triebe als im Grunde bösartig an, derer man nur durch Sozialisierung und Kompensation Herr werden konnte. Das Pathologische galt als Versagen, sich an die gesellschaftliche Realität anzupassen – ohne aber diese Realität je in Frage zu stellen. Dass das Pathologische in manchen Fällen jedoch der einzige Ausweg bleibt, sich der Anpassung zu widersetzen, wurde nicht in Betracht gezogen.Solange wir heute noch das Ausmaß, in dem soziale Normen akzeptiert und zum Maßstab seelischer Gesundheit gemacht werden, tolerieren, sehen wir nicht deren Ungesundheit. Indem wir uns für Rollen entscheiden, die dieses System unterstützen, leisten wir der Pseudo-Realität Vorschub. Je erfolgreicher wir damit sind, je mehr soziale Anerkennung wir dafür bekommen, umso abgeschnittener werden wir von unseren Gefühlen. Letztlich haben wir uns mit den Regeln selbst identifiziert.

Davon ist auch das Körperliche betroffen. Durch den Sozialisierungsprozess kommt es ebenso zur Abspaltung von Körperempfindungen. Die umfassende Spaltung und Verdrängung verhindert den Aufbau unseres Selbst aus eigenen Erfahrungen. Ein Durchbruch ursprünglicher Gefühle mobilisiert unsere Abwehr und ruft Angst hervor. Wir waren so lange von Anerkennung und Lob abhängig, dass wir permanent nach weiterer Bestätigung suchen müssen. Bei jenen, die unsere wirklichen Bedürfnisse weder kennen noch bejahen.

Wahre Freiheit ist innerlich mit Ablehnung verbunden. Wem in frühkindlichen Jahren die eigene Lebendigkeit und Lebenslust zum Feind gemacht wurde, der fürchtet später nichts so sehr wie authentischen Selbstausdruck. Verantwortung für sich selbst bedeutet aber die Aufgabe, sich selbst zu verwirklichen. Was wir gelernt haben, ist jedoch, dass Hilflosigkeit schrecklich ist und wir nur durch Überlegenheit, Anerkennung und Macht davor geschützt sind. Falsche Freiheit meint nicht Verbindung mit den eigenen Bedürfnissen, sondern Erlösung von ihnen.

Menschen, die gefühlsmäßig derart beschädigt sind, fühlen sich mit anderen Menschen weder verbunden noch in echter Gemeinschaft. Sie sehnen sich nur nach Anerkennung und verwechseln Abhängigkeit und Bewunderung mit Liebe. Die echten Bedürfnisse werden zur Last, welche die Anpassung stören – das Ausschalten der Gefühle wird mit Freiheit gleich gesetzt.

Dahinter steckt jedoch der unbewusste Wunsch, dem eigenen Leiden zu entkommen. Die wirklich Schwachen sind nicht diejenigen, die leiden, sondern diejenigen, die davor Angst haben. Stärke wird in der Identifikation mit Autoritäten gesucht, das Ringen um Selbstverwirklichung aufgegeben. Falsche Selbstachtung orientiert sich an der Bestätigung unserer Wichtigkeit. Auch wenn wir anderen helfen, kommt dieser Impuls oft nicht aus Empathie mit seinem Leiden und dem Mut, sich ihm zu stellen, sondern wir suchen damit etwas für unsere eigene Selbstachtung zu gewinnen. Der Sinn von Bewusstwerdung liegt darin, uns unserer selbst bewusst zu werden. Zweifeln wir ständig an unseren Gefühlen und schämen uns unserer Menschlichkeit, verstellen wir uns damit den Weg zu unserem eigenen Selbst.

Durch die Glorifizierung eines vom Fühlen abgetrennten Denkens gilt Konstruiertes mehr als die Realität. Abstraktion anstelle von unmittelbarer Wahrnehmung verdeckt die Abspaltung von unseren Gefühlen. Es ist die Wissenschaft selbst, die dafür das Klima geschaffen hat. Sie erfasst das Leben mittels abstrakter Begriffe und die Realität durch Methoden. Damit erhält die Spaltung zwischen Denken und Fühlen ihre kulturelle Zustimmung. Methodologien, welche das menschliche Erleben nicht einbeziehen, degradieren den Menschen damit zum Input-Output-Roboter.

Jedoch haben wir alle die Anlage für Empathie und Mitgefühl angeboren. Rührt uns die Hilflosigkeit eines anderen Menschen an, spiegelt das Opfer unsere eigenen abgelehnten Anteile und wir distanzieren uns davon. Wer leidet, wird ausgegrenzt und soll möglichst rasch sein Leiden überwinden, um wieder annehmbar zu sein. Am besten schützt uns die Konformität einer Gruppe vor Selbstzweifeln, „man“ ersetzt „ich“ und dient als Legitimation der eigenen Verdrängung. Die Quelle unserer Destruktivität liegt bereits in unserer Kultur, die reduziertes Mensch-Sein als normal vermittelt. Durch die Verschmelzung mit dem Kollektiv geht selbständiges Denken und menschliche Ethik unter – ein „Mord auf Raten am eigenen Selbst“.

Wer sich widersetzt, läuft Gefahr, ausgestoßen oder als krank bezeichnet zu werden. Die Fiktion soll nicht in Frage gestellt werden, am ‚gesündesten‘ ist derjenige, der sich am besten anpasst. Oft sind es gerade Außenseiter und Künstler, die dagegen ankämpfen. Wer jedoch ständig den Traum von Erfolg und mächtigen Taten träumt, will seinen Gefühlen der Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung entrinnen. Hilflosigkeit ist für ihn nichts anderes als Schwäche. Dass es uns nicht umbringt, wenn wir sie zulassen, wird nie erlebt – dass gerade daraus Stärke und wahre Identität erwachsen, scheint unvorstellbar.

Viele, die sich nie mit den Ursachen ihrer Einstellungen befassen, entwickeln letztlich ein magisches Selbst- und Weltbild. Denn fantasierte Omnipotenzgefühle täuschen über den wahren inneren Zustand hinweg. Die Fähigkeit, allem mit Gleichmut zu begegnen, lässt Kriege, Zerstörungs- und Machtfantasien in völliger Abgetrenntheit von den eigenen Empfindungen zur normalen Realität werden. „Wir sehen, ideologische Abstraktionen können dazu führen, dass des Mörders Mordlust verhüllt bleibt. … Wenn ein Mensch mittels abstrakter Begriffe über sich selbst schließlich zum Roboter wird, ist die Gefahr sehr groß, dass er böse wird.“

Destruktivität entsteht aber nicht nur durch Unterdrückung des Fühlens, sondern auch durch Vorgabe bestimmter gesellschaftlicher Werte und Lebensorientierungen. Ein hohes Ziel ist das erfolgreiche Meistern kognitiver Aufgaben. Denken, unbelastet von jeglichen Gefühlen, steht in einer leistungsorientierten Kindererziehung für geistiges Wachstum. Eltern drängen ihre Kinder durch Belohnung in die von ihnen gewünschte Richtung, um ihren eigenen Ehrgeiz zu befriedigen. Diese Kinder, welche ohne Strafen manipuliert werden, sind unfähig, ihre Wut zu äußern. Sie verstehen ihre Unzufriedenheit nicht, scheint doch alles zu ihrem Besten zu geschehen. Das Reduzierte wird unter dem Deckmantel von Leistung verkauft. Gerade intellektuell betonte Menschen sind oft unfähig dazu, ihre Empfindungen ausdrücken. Die extreme Ausrichtung auf das Denken versperrt den Zugang zu ihren Gefühlen. Was bleibt, ist eine Identität, „welche nur wie eine Montage an einem Fließband zusammengesetzt werden kann.“

Noch mehr als Frauen sind Männer in unserer Gesellschaft davon betroffen. Das männliche Image, seine Sucht nach Macht und Bestätigung verhindert Liebe und schürt die Angst vor sensibler Berührung. Männer bevorzugen daher die gefällige Frau mit gefälschter Wärme. Hinter ihrer Abhängigkeit von Bewunderung steht Versagensangst. Doch gerade, weil sie sich zum Helden machen, werden sie verlassen, wenn der reale Mensch zum Vorschein kommt. Das Ideal der Unverwundbarkeit und ständigen Stärke erzeugt Zerrbilder vom „richtigen Mann“. Gemeinsam mit den Zerrbildern „richtiger Frauen“ führen sie weit weg vom realen Erleben. Wenn das männliche Image zarte Gefühle verbietet, muss die Sehnsucht danach abgewiesen werden. Diejenigen, welche diese Vorstellungen von Männlichkeit am besten verkörpern, werden zu Heldenfiguren. Auch wenn der Männlichkeitswahn unbarmherzigen Konkurrenzkampf produziert und zu gesellschaftlich sanktionierter Grausamkeit an Menschen und Natur führt.

Obwohl einerseits die Frau enorm wichtig für männliche Selbstbestätigung ist, wird sie andererseits für unterlegen gehalten. Das männliche Leistungsbedürfnis mitsamt seiner Gier nach Lob und Beifall macht Erfolg und Sieg zum Maßstab menschlichen Wertes. Doch führt dies in das Dilemma der Beziehungslosigkeit, denn echte Intimität bedingt Ebenbürtigkeit. Die männliche Fiktion der Überlegenheit ist eine Lebenslüge, die allen Gewalt antut. Sie erzeugt Verachtung und schürt die Angst vor Niederlagen. „Liebe“ gibt es für Leistung, aber nicht für unser Selbst, wie es ist. Von klein auf wurde es uns unmöglich gemacht, daran zu glauben, wir könnten um unserer selbst willen geliebt werden. Daher spielt der Erwachsene weiter seine Rollen und bewundert jene, die darin noch besser sind. Falsche Liebe ist die einzige, die wir kennengelernt haben und schließlich richtet sich unsere Wut auf jene, welche die Unwirklichkeit unseres Spiels wahrnehmen.

Der Vorteil der Frau ist ihr Potenzial, Leben in sich tragen zu können und damit an der Entstehung und Entwicklung eines Lebewesens mit all seinen Schmerzen, Leiden und Freuden teilzunehmen. Hilflosigkeit wird hier nicht gleichgesetzt mit Ohnmacht oder Versagen, sondern ruft warme, empathische Gefühle hervor. Ist die Frau jedoch selbst der männlichen Ideologie verhaftet, dienen ihr die Kinder als Ersatz für Selbstverwirklichung und sie benutzt sie damit für ihre eigenen Zwecke. „Die tiefste Verletzung, die einer Mutter in unserer Gesellschaft angetan wird, ist nicht nur ihre Unterdrückung, sondern ihre Anpassung an den männlichen Mythos seiner Überlegenheit und die Annahme ihrer eigenen Wertlosigkeit.“

Männer bevorzugen das Denken und entwerten das Fühlen. In ihrer Ausrichtung auf Logik und Ordnung wenden sie sich damit jedoch gegen ihre eigene Lebendigkeit. Leben folgt aber weder vorgegebener Logik noch Ordnung. Darin besteht zwischen Männern und Frauen ein fundamentaler Unterschied. Frauen sind meist der Realität näher und weniger von ihren Gefühlen entfernt. Dadurch sind sie oft gezwungen, auf zwei Ebenen zu leben: derjenigen ihres inneren Empfindens und derjenigen, welche als „offizielle“ Wirklichkeit Gefühle mit Irrationalität gleichsetzt. Damit drückt sich erneut die Verachtung gegenüber allem aus, das den Vorstellungen von Stärke und Macht widerspricht. „Ein Selbst, das vor der Hilflosigkeit davonläuft, kann nur sehr beschränkt Teile seines inneren Geschehens erfahren.“ Nur Bewunderung verspricht die Illusion der ersehnten Stärke. Männer wollen für Heldentaten geliebt werden, auch wenn dahinter die Angst vor Schwäche steht. Der Preis, den sie dafür bezahlen, ist nie erlebte Nähe.

Es wird leicht übersehen, dass auch derjenige, der bewundert, Macht über das Objekt seiner Anbetung hat. Wenn die Bewunderung entzogen wird – die Geschichte ist voll von solchen Wandlungen – stürzt er ihn von seinem Sockel und entlarvt die Grandiosität als Täuschung. Dennoch hat Idealisierung für beide Seiten einen Vorteil: sie hält voneinander fern. Wir suchen nicht nach echter Begegnung, sondern nach gegenseitiger Stärkung. Sei es eben durch die Bewunderung auf der einen Seite oder durch die Teilhabe des Anbetenden an der Stärke seines Idols auf der anderen Seite. Wer davon abhängig ist, dem wird Besitzstreben zur Grundlage menschlicher Beziehung.

Ein weiterer Aspekt der Suche nach Stärke ist der Gehorsam gegenüber Mächtigen. Es löst geradezu ein „heiliges Gefühl“ aus, wie Schafe hinter Führern her zu laufen, die uns Erlösung versprechen. Wir sterben für höhere Ziele, wenn wir die Verbindung zu uns selbst verloren haben. Identität wird in Unterwerfung gesucht, die Anpassung an eine Ideologie der Stärke schafft Heldentum. Und diejenigen, die sich der Macht widersetzen, werden grausam verfolgt. Als Beispiel nennt Gruen die Geschwister Scholl, die gegen die Nazis Widerstand leisteten und dafür hingerichtet wurden. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass einige Menschen durch Angst nicht zur Anpassung, sondern zur eigenen Stärke finden. Wer allerdings über seine kindliche Abhängigkeit nicht hinaus kommt, bleibt sein Leben lang autoritätsgläubig, gehorsam und abhängig. Er hofft, dass das Prinzip Autorität, welches sein Leiden hervor rief, auch davon befreien kann.

Nur derjenige, der sich seiner Angst stellt, kann sich seines Selbst bewusst werden. Aus der mutigen Konfrontation mit der eigenen Schwäche erwächst echte Stärke.

„Manche können gar nicht mehr herum laufen, ohne dass ihr Transistor-Radio auf ein Programm eingestellt ist. … Es ist wichtig, hervorzuheben, dass wir uns, weil wir uns diese Stimuli-Welt und –Werte aneignen, für autonom halten und gar nicht merken, das Orwells 1984 schon mit uns ist.“Auch wenn wir in der Wohlstandsgesellschaft von Eindrücken und Stimuli überflutet werden, können sie uns nicht das Gefühl von Lebendigkeit vermitteln. Das Selbst lässt sich nicht in Dingen finden, die uns innerlich nicht berühren. Um wirklich lebendig zu sein, muss man fühlen.

Es ist sehr schwer in unserer Gesellschaft, den Weg zu sich selbst zu finden. Alle handeln nach dem gleichen Schema, die echten Bedürfnisse sind verloren gegangen. Wir leben in einer Gesellschaft, die vorsätzlich echtes Erleben mitsamt der Furcht davor verdrängt. Wir halten uns die Verbindung zu unseren inneren Gefühlen fern, weil wir Angst davor haben. Wer dennoch Liebe mit der einzigartigen Individualität eines Menschen verbindet und ebenso geliebt werden möchte, bezahlt dafür einen hohen Preis – er wird zum Außenseiter.

Trotz aller Konformität konnten manche Menschen nie die gesellschaftliche Unwirklichkeit akzeptieren, weil es zu sehr der Kraft ihrer eigenen Wahrnehmung widerspricht. Und es gibt andere, die ein so tief einschneidendes Erlebnis hatten, das ihre Scheinwelt zum Einsturz brachte. Der höchsten Gipfel der Gespaltenheit findet sich in der Schizophrenie.

Leider kommen viele Menschen mit der Hoffnung in eine Psychotherapie oder Beratung, um dort von ihren aufsteigenden Gefühlen befreit zu werden. Gelingt es, ihnen die aufkeimenden Zweifel wieder zu nehmen, können sie tatsächlich in manchen Fällen erneut zu angepassten Mitgliedern der Gesellschaft werden. Doch es gibt auch diejenigen, die der Wahrheit auf den Grund gehen wollen. Da sie eine weit größere Herausforderung darstellen, sind sie sind nicht gerade die Lieblingspatienten von Psychiatern, die mit Psychopharmaka oder systematischem Verhaltenstraining arbeiten. Es sind Kämpfernaturen, die sich mit dem Erleben von ursprünglichen Gefühlen auch der aufsteigenden Angst stellen. Psychotherapien unterscheiden sich daher darin, ob sie Anpassung oder Wahrheitssuche unterstützen. Verhelfen sie dem Menschen zur Kraft, seine schmerzlichen Erlebnisse zu integrieren oder fördern sie weiter Verdrängung und Verleugnung und setzen das Fehlen von Angst mit seelischer Gesundheit gleich?

Wirkliche Veränderung kommt nur zustande, wenn ein Mensch sich mit den Schrecken seiner unermüdlichen Jagd nach irrealer Sicherheit auseinander setzt. Nur durch den schmerzlichen Prozess der Bewusstwerdung kann sich sein Herz öffnen und seine Sensibilität erweitern. Da dies alles andere als leicht ist, weichen viele aus und glauben weiterhin, durch Anpassung und Gehorsamkeit konfliktfrei leben zu können. Ein internalisiertes Gebot unserer Gesellschaft lautet: Man soll sich selbst nicht bedauern. Damit wird das Erleben von Gewalt und Schmerz durch Autoritäten von klein auf sanktioniert. Gerade jene ohne authentisches Selbst, die durch ihr Anpassungsvermögen den Anschein hervor rufen, ganz besonders „gesund“ zu sein, wissen oft gar nicht, wie verrückt sie sind.

Wer jedoch sein Selbst nicht auslöschen, nicht abstraktes Bild, sondern lebendiger Mensch sein will, muss sich wieder mit seinen eigenen Gefühlen verbinden. Er bejaht damit auch ständigen inneren Wandel, weil Lebendigkeit nicht statisch ist. Seine Stabilität kommt aus der Fähigkeit, Spannung zu ertragen sowie Herz und Verstand zu vereinen. Wer nicht die Kraft hat, Leid zu ertragen, hängt dem Mythos von Leid und Mitgefühl als Schwäche an, obwohl das Gegenteil davon wahr ist.

Wir müssen endlich aufhören, nach Göttern außerhalb uns selbst zu suchen. Nur Mitgefühl und Liebe ermöglichen die Wandlung zu einem wahren Selbst. Es gibt keine Methode oder Technik, die dahin führt. Den Weg zu uns selbst müssen wir alleine finden. Wer es wagt, sich selbst zu erleben, erfährt, dass die Angstgespenster ihre Macht verlieren. Der lange, schwierige und nie endende Weg zur Überwindung der Furcht vor Freiheit und Autonomie führt zum eigenen menschlichen Herz.

*****Anmerkungen (Verfasserin siehe Quelle)*****

Ich bin der Ansicht, Arno Gruens Buch drückt radikal die Wahrheit über unsere Gesellschaft aus. Wir leben in einer Welt, in der Intellektualisierung der Abwehr echter Empfindungen dient und inzwischen zur Normalität geworden ist. Wir wurden so erzogen und wir behalten es bei. Die Unerträglichkeit dieses unnatürlichen Daseins macht Depressionen zur Volkskrankheit oder treibt Menschen massenweise in die Flucht zu mystischer Weltsicht. Wir werden über alle Maßen manipulierbar, schenken denen mit unechtem Selbst mehr Glauben als jenen mit echtem, sind daran gewohnt, vorgefertigte Lösungen für unsere Probleme zu akzeptieren und haben aufgehört, unseren eigenen Gefühlen Beachtung zu schenken. Da sich diese aber nie ganz auslöschen lassen, suchen wir in vielerlei Ersatz unser Heil.

Arno Gruen plädiert für einen autonomen, einen authentischen Menschen, der seine Kraft aus der eigenen Lebendigkeit schöpft. Wer sich auf dem Psycho- und Esoterikmarkt umsieht, wird jedoch eine Unmenge an Manipulationstechniken finden, die allesamt versprechen, auf einfache Weise schmerzfrei zu leben. Eine Gesellschaft, die auf Funktionieren setzt, kann den Weg mitten durch den sehr früh entstandenen Schmerz der Unterdrückung unserer authentischen Empfindungen nicht bejahen, weil er letztlich Befreiung bringt. Unsere (Macht)Strukturen sind darauf nicht zugeschnitten.

Dennoch ist es der einzig lohnende Weg – nicht nur für den Einzelnen, sondern für die Veränderung der gesamten Gesellschaft. Ich denke, dass viele das wissen oder spüren, aber den schwierigen Weg dahin scheuen. Solange es noch halbwegs weiter geht, solange wir genug äußere Krücken zur Verfügung haben, die uns glauben machen, wir wären selbständig und authentisch, werden wir wie gehabt weiter machen. Wir sitzen damit dem Irrtum auf, dass lebenslanges Abgeschnittensein von unseren echten Gefühlen weniger schmerzlich ist, als die Schmerzen ein einziges Mal wieder zu erleben – um danach von ihnen befreit zu sein.

Ich glaube jedoch, was dem entgegen steht – und vermutlich fundamental wichtig ist – ist, dass wir ohne Verständnis und ohne uns zugewandte Mitmenschen diesen Weg kaum gehen können. Es ist ein Widerspruch in sich, vereinzelt und allein gelassen die eigene Wärme entdecken zu können. Dazu gehört menschliche Verbindung.

Ich wollte auch Peter Schellenbaums „Die Wunde der Ungeliebten“ zusammen fassen. Aber im Grunde schreibt er nichts anderes als Gruen. Was Schellenbaum jedoch in den Vordergrund stellt, ist die lebendige Verbindung zwischen Menschen, welche für die Heilung Voraussetzung ist. Er ist ein Therapeut, der sich auf echte Beziehungen zu seinen Klienten einlässt und ihnen damit diese Chance gibt.

Arno Gruens Buch „Der Verrat am Selbst“ ist ein sehr wichtiges Buch für alle, die im Inneren spüren, dass sie wirklich authentisch leben wollen. Aber auch wenn man den Weg alleine gehen muss, braucht es Verbindung zu anderen Menschen, weil Vertrauen und Offenheit – und da gebe ich Peter Schellenbaum Recht – ein wichtiger Schritt zur Veränderung sind. Das Schwierige dabei ist, ein Gegenüber zu finden, welches sich mit seinem echten Selbst darauf einlässt.Quelle für den Text und die Anmerkungen:

***** Meine Ergänzungen *****

Wer noch mehr über den “Gesund”heitszustand der Gesellschaft wissen möchte, dem empfehle ich noch diese vorherigen Beiträge:

Der Verlust des Menschsein von dem Psychoanalytiker Arno Gruen

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Stand: 22. April 2021 8:29 time
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Und den Beitrag:

Wider dem Gehorsamebenfalls von Arno Gruen

Und hier noch mein Brief an den Gefängnispfarrer, in dem aufgezeigt wird, wie es dazu kam, dass wir den Weg gegangen sind, den wir als Menschheit bislang gegangen sind.

Mehr über den Unterschied ein Mensch oder Bürger zu sein, auch auf Telegram

https://t.me/mensch_oder_buerger

bzw. @Mensch_oder_Buerger Man kann Bürger werden, doch als Mensch wird man geboren, egal wo auf Erden, der Mensch bleibt im Kern immer Mensch (Natürlich) zum Bürger jedoch wird er aufgrund einer Fiktion, also eines Gedankenkonstruktes, schlichtweg aufgrund eines Glaubens oder einer Ideologie, DAS IST ELEMENTAR WICHTIG, UM ZU begREIFEN. Bitte teilt diesen Beitrag, damit immer mehr Leute erfahren, woran die Gesellschaft/Menschheit insgesamt, wirklich krankt.

Danke dafür euer

Franz ☺️

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